Aus Forschung & Wissenschaft

Magnesium

 

Kopfschmerz, Migräne

Kopfschmerzen sind eine häufige Erkrankung. 70-75 % der Männer und mehr als 80 % der Frauen sind betroffen. Magnesium wird häufig mit einer Verminderung oder Vermeidung von Kopfschmerzen verschiedenster Arten (Spannungskopfschmerz, Migräne u. a.) in Verbindung gebracht. Die folgenden Arbeiten beleuchten diesen eventuellen Zusammenhang und versuchen teilweise, einen kausalen Mechanismus herzuleiten.

 

Mauskop A, Varughese J. J
Why all migraine patients should be treated with magnesium
Neural Transm. 2012 May;119(5):575-9. Epub 2012 Mar 18

 

Es ist davon auszugehen, dass bis zu 50 % der Migränepatienten einen Magnesiummangel haben. Dieser Mangel kann sich aus ganz verschiedenen Gründen entwickeln, unter anderem durch eine genetisch bedingte Störung der Magnesiumresorption, einen genetisch oder stressbedingten hohen Verlust über die Niere oder eine zu geringe Aufnahme.
Dieser Review untersucht, ob die Magnesiumsubstitution - unabhängig von einem nachweislichen Mangel - ein geeignetes Mittel zur Migränetherapie ist. Hierzu werden Studien mit oraler Substitution oder i.v.-Therapie im Erwachsenen - sowie im Kindesalter untersucht. Neben Studien zu Migräne werden auch Studien zum Cluster-Kopfschmerz und zum prämenstruellen Syndrom besprochen.
Es zeigte sich, dass ein Magnesiummangel bei Migränepatienten häufig ist und dass die Patienten in den meisten Studien gegenüber der Placebogruppe von einer Magnesiumtherapie profitieren.
Da die Magnesiumsubstitution nebenwirkungsarm und kostengünstig ist, plädieren die Autoren dafür, dass bei allen Migränepatienten - auch ohne nachweislichen Magnesiummangel - ein Therapieversuch mit Magnesium durchgeführt werden sollte.

 

Holland S, Silberstein SD, Freitag F, Dodick DW, Argoff C, Ashman E

Evidence-based guideline update: NSAIDs and other complementary treatments for episodic migraine prevention in adults: report of the Quality Standards Subcommittee of the American Academy of Neurology and the American Headache Society

Neurology. 2012 Apr 24;78(17):1346-53. Review 

 

Diese amerikanische Leitlinie für Neurologen untersuchte komplementäre Methoden zur Migräneprophylaxe. 15 Studien wurden eingeschlossen, davon 4 zu Magnesium. Neben anderen Methoden (NSAID, Riboflavin, MIG-99, Histamin subcutan) wurde Magnesium als wahrscheinlich wirksam (Evidenz-Level B) eingestuft. Damit kann eine Anwendung von Magnesium zur Migräneprophylaxe durchaus erwogen werden bzw. sie stellt in den USA eine leitliniengerechte Therapie dar. 

 

Samaie A, Asghari N, Ghorbani R, Arda J.
Blood Magnesium levels in migraineurs within and between the headache attacks: a case control study.
Pan Afr Med J. 2012;11:46. Epub 2012 Mar 15.

 

Diese kontrollierte Studie aus dem Iran untersuchte den Zusammenhang zwischen den Magnesium-Werten im Blut und der Häufigkeit von Migräne-Attacken. Dazu wurden Magnesium-Werte im Blut von 50 Patienten mit Migräne während eines Migräneanfalls und zwischen den Migräneanfällen mit denen von 50 Gesunden als Kontrolle verglichen.
Die Magnesium-Werte im Blut waren in der Gruppe mit Migräneattacken signifikant niedriger verglichen mit der Kontrollgruppe (1,86 mg/dl gegenüber der Kontrolle 2,1 mg/dl; p < 0,001). Jedoch gab es bei den Migränepatienten keine Unterschiede im Serum-Magnesium-Spiegel während der Attacken und im symptomfreien Intervall.
Die Autoren kommen aufgrund dieser Ergebnisse und anderer ähnlicher Studienergebnisse zu dem Schluss, dass Migränepatienten einen nachweisbaren Magnesiummangel haben, der therapeutisch ausgeglichen werden sollte.

 


Talebi M, Savadi-Oskouei D, Farhoudi M, Mohammadzade S, Ghaemmaghamihezaveh S, Hasani A, Hamdi A.

Relation between serum magnesium level and migraine attacks.
Neurosciences (Riyadh). 2011 Oct;16(4):320-3. PMID: 21983373

 

Diese Fall-Kontroll-Studie untersucht den Zusammenhang zwischen den Magnesium-Werten im Blut sowie Speichel und Migräne.
140 Patienten (22 Männer und 118 Frauen) mit Migräne wurden mit 140 Gesunden (26 Männer, 114 Frauen) verglichen. Es wurden keine Magnesium-Supplemente eingenommen.
Die Serum-Magnesium-Werte der Patienten mit Migräne waren mit 26 ± 4 ppm signifikant geringer als die der Gesunden mit 31 ±4 ppm. Es gab einen linearen Zusammenhang zwischen den Mg-Werten im Serum und der Häufigkeit der Migräne-Attacken. Es fand sich kein Unterschied zwischen Männern und Frauen, Patienten mit oder ohne Aura, Alter, Beginn der Migräne oder Lokalisation des Kopfschmerzes.
Da das Magnesium im Blut der Patienten mit Migräne signifikant niedriger war und sich umgekehrt proportional zur Häufigkeit der Migräneanfälle verhielt, erscheint nach Ansicht der Autoren eine Therapie mit Magnesium bei Migräne sinnvoll.

 

Köseoglu E, Talaslioglu A, Gönül AS, Kula M.
The effects of magnesium prophylaxis in migraine without aura.
Magnes Res. 2008 Jun;21(2):101-8.

 

Diese doppelblinde, randomisierte Placebo-kontrollierte Studie untersuchte die prophylaktische Wirkung von oralem Magnesium bei Migränepatienten ohne Aura. 30 Patienten im Alter von 20 bis 55 Jahren mit zwei bis fünf Migräneattacken im Monat erhielten 600 mg Magnesium pro Tag oral, 10  gematchte Patienten Placebo. Die Wirkungen wurden mittels klinischer Beurteilung, visuell evozierten Potenzialen und Single Photon Emission Computerized Tomography (SPECT) des Gehirns vor und nach 3-monatiger Behandlung geprüft.
Es zeigte sich, dass nach 3 Monaten Häufigkeit und Schwere der Migräneattacken sowie die Amplitude von P1 in den visuell evozierten Potenzialen unter Magnesium im Vergleich zu den Werten vor der Behandlung abgenommen hatten (p < 0,001), und diese Abnahme war in der Magnesiumgruppe deutlich stärker als unter Placebo (Häufigkeit der Attacken: p = 0,005; Schwere der Attacken: p < 0,001; P1-Amplitude: p < 0,05). Es fand sich nach Magnesiumbehandlung ein signifikanter Anstieg für den kortikalen Blutfluss inferio-lateral-frontal (p < 0,001), inferio-lateral-temporal (p = 0,001) und im Inselbereich (p < 0,01) im Vergleich zu den Werten vor der Behandlung, während unter Placebo keine derartigen Veränderungen beobachtet wurden. Trotz der hohen Magnesiumdosis klagten nur vier Patienten über weiche bzw. durchfallartige Stühle und zwei über Magenbeschwerden.
Diese Ergebnisse, so die Autoren, lassen Magnesium von Vorteil zur Prophylaxe bei Migräneattacken ohne Aura scheinen, wobei diese Wirkung sowohl vaskulär als auch neurogen bedingt sein könnte.

 

Durlach J, Pagès N, Bac P, Bara M, Guiet-Bara A.
Importance of magnesium depletion with hypofunction of the biological clock in the pathophysiology of headhaches with photophobia, sudden infant death and some clinical forms of multiple sclerosis.
Magnes Res. 2004 Dec;17(4):314-26. Review.

 

Durlach J, Pagès N, Bac P, Bara M, Guiet-Bara A.
Headache due to photosensitive magnesium depletion.
Magnes Res. 2005 Jun;18(2):109-22. Review.

 

Beide Übersichtsarbeiten gehen auf den Zusammenhang derinneren Uhr" im Bereich der Nuclei suprachiasmatici (SCN) und dem Magnesiumhaushalt ein und zeigen darüber hinaus mögliche Zusammenhänge dreier Krankheitsbilder mit einem Mangnesiummangel:

1. Kopfschmerzen mit Photophobie, vor allem Migräne

2. das Sudden Infant Death Syndrome (SIDS);

3. Multiple Sklerose (MS).

Die „innere Uhr" sorgt für die Anpassung verschiedener physiologischer Funktionen an den 24-stündigen Tag-Nacht-Rhythmus und wird durch Licht gesteuert. Sie sorgt bei Dunkelheit in der Epiphyse für die Bildung von Melatonin, während dessen Synthese bei Licht unterdrückt ist. Eine ausreichende Menge von Melatonin wiederum lässt den Organismus auf „Nacht" umschalten. Da für die Melatoninproduktion Magnesium als Kofaktor benötigt wird, ist bei Magnesiummangel keine ausreichende Hormonproduktion möglich, und für den Körper besteht rund um die Uhr das Gefühl, es sei Tag.
Ein ohnehin auf Licht reagierender Kopfschmerz kann durch diesen 24-Stunden-Tag weiter verstärkt werden, während Magnesiumzufuhr die Bildung von Melatonin fördert, dem Körper das Gefühl „dunkel" vermittelt wird - die Kopfschmerzen werden schwächer oder hören ganz auf. Dabei ist eine präventive Behandlung in Form einer ausreichenden Magnesiumaufnahme über die Nahrung wirksamer und besser verträglich als eine, die erst mit Beginn des Symptoms Kopfschmerz einsetzt.
Das SIDS  könnte mit einer nicht ausreichenden Reifung des photoendokrinen Gewebes verbunden sein, der auf einen Magnesiummangel der Mutter während der Schwangerschaft zurückgeht. Der dadurch entstehende „chronopathologische Stress", wie es der Autor nennt, könnte dann wie andere Stressfaktoren - etwa Umweltbelastung durch rauchende Eltern, Bauchlagerung - zu den Atemstörungen führen, die letztlich ein SIDS auslösen.


Bei Patienten mit multipler Sklerose schließlich wurden deutlich verminderte Magnesiumkonzentrationen in den Erythrozyten und auch in der weißen Substanz im Gehirngewebe gezeigt. Die eigentlichen pathogenen Mechanismen bleiben aber weiterhin unklar.

 

Woolhouse M.
Migraine and tension headache--a complementary and alternative medicine approach.
Aust Fam Physician. 2005 Aug;34(8):647-51. Review.

 

Dieser Artikel betrachtet eine Reihe von komplementären Maßnahmen bei der Therapie und Prophylaxe sowohl von Migräne als auch von Spannungskopfschmerzen. Beide weisen verschiedene auslösende Faktoren auf. Es gibt in einigen Studien Hinweise darauf, dass unter anderem Magnesium hilfreich sein könnte. Andererseits sind magnesiumreiche Nahrungsmittel wie Nüsse oder Meeresfrüchte oft auch Auslöser derartiger Kopfschmerzen - in diesem Fall könnte auf ein Supplement oder magnesiumreiches Mineralwasser zurückgegriffen werden. Auf jeden Fall sollte für jeden Patienten ein individuelles Konzept maßgeschneidert werden, das sowohl wirksam wie auch sicher ist.