Aus Forschung
& Wissenschaft

Natrium, Kochsalz

 

Kreislauf

 

Natrium wird, was kardiovaskuläre Erkrankungen betrifft, oft kritisch betrachtet - wegen der gefürchteten Blutdruckerhöhung und damit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen. Allerdings trifft diese Befürchtung nicht für alle Menschen zu. Eine Reihe von Studien zeigt im Gegenteil sogar, dass Blutdruckwerte und auch das Blutfettprofil durch Natrium günstig beeinflusst werden können. Bei Personen mit labilem Blutdruck kann Salz sogar als Therapie der ersten Wahl betrachtet werden.

 

Whelton PK
Hyponatremia in the general population. What does it mean?
Nutr Metab Cardiovasc Dis. 2016 Jan;26(1):9-11

 

Der Autor erläutert seinen Standpunkt zu den Auswirkungen eines leichten Natriummangels auf die Gesundheit.
Die Häufigkeit eines Natriummangels lag in der NHANES-Studie von 1999 - 2004 bei 1,7 %,
in drei Observationsstudien der Gesamtbevölkerung seit 2013 lag das Vorkommen eines Natriummangels zwischen 6,7 % und 7,7 %, was wohl auf das höhere Durchschnittsalter in diesen Studien zurückgeführt werden kann.
Dass in Krankenhäusern eine niedrige Natriumkonzentration im Blutserum mit einem schlechteren Verlauf der Krankheit und einer erhöhten Sterblichkeit einhergeht, ist schon bekannt.
Nun zeigen auch epidemiologische Studien der Gesamtbevölkerung, dass Natriummangel mit erhöhten Risiken zu Herzkreislauf-Erkrankungen und auch zur Sterblichkeit einhergeht. Der Zusammenhang zwischen der Natriumkonzentration im Blutserum und den negativen gesundheitlichen Auswirkungen scheint J-förmig zu sein, d.h. ein Natriummangel sowie auch zu hohe Natriumkonzentrationen erhöhen das Risiko.
Der Autor schließt, dass das erhöhte Risiko zu Sterblichkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht unbedingt eine direkte Folge des Natriummangels ist, dass aber in der Gesamtbevölkerung Natriummangel zumindest einen Hinweis auf dieses erhöhte Risiko darstellt.

 

 

Garg R, Sun B, Williams J
Effect of low salt diet on insulin resistance in salt-sensitive versus salt-resistant hypertension
Hypertension. 2014 Dec;64(6):1384-7

 

In einer randomisierten doppelblinden placebo-kontrollierten Studie an 389 Hypertonikern, von denen 193 salzsensitiv waren, d.h. einen um > 15 mmHg niedrigeren Blutdruck unter natriumarmer Kost hatten, und 196, die nicht salz-sensitiv waren, wurden die Effekte einer natriumarmen Kost auf weitere Parameter untersucht.
Dabei fand sich, dass die natriumarme Kost bei beiden Gruppen, den salz-sensitiven und den nicht salz-sensitiven, signifikant den Nüchtern Blutzucker (von 91 auf 95 mg/dl) sowie auch die Insulinkonzentration (von 9.4 auf 10.8 µIU/ml) erhöhte, was auf eine gesteigerte Insulinresistenz (HOMA von 2.1. auf 2.6. erhöht) hinweist. Bei den Hypertonikern, bei denen eine natriumarme Kost nicht den Blutdruck senkt, sollte also die Empfehlung zu natriumarmer Kost überdacht werden.

 

 

Sharma S, McFann K, Chonchol M, Kendrick J.
Dietary Sodium and Potassium Intake Is Not Associated With Elevated Blood
Pressure in US Adults With No Prior History of Hypertension

J Clin Hypertens (Greenwich). 2014 Apr 11 

 

In einer aktuellen Auswertung der NHANES wurden Daten von 6985 erwachsenen Teilnehmern ohne Bluthochdruck in der Anamnese aus den Jahren 2001 bis 2006 ausgewertet. Das Ziel war es, den Zusammenhang zwischen Aufnahme von Natrium- und Kalium aus der Nahrung und Höhe des Blutdrucks zu analysieren.
Zu einem Zeitpunkt wurde die Ernährung der letzten 24 Stunden erfragt und der Blutdruck gemessen.
Für die Auswertung wurden verschiedene Kategorien der Natrium- und Kalium-Aufnahme gewählt, ebenso für die Blutdruckwerte. Zum einen wurden Quartile gebildet: Natrium-Aufnahme ≤ 2190 bis > 4349 mg/Tag; Kalium-Aufnahme: ≤1771 bis >3450 mg/Tag.
Für eine weitere Analyse wurden die beiden unteren und die beiden oberen Quartile zusammengefasst betrachtet und als Gruppe mit hoher/niedriger Natrium- (Grenzwert 3142 mg) oder Kaliumaufnahme (Grenzwert 2529 mg) bezeichnet.
Der Blutdruck wurde zum einen als kontinuierlicher Messwert betrachtet sowie in Kategorien (erhöhter, nicht erhöhter Blutdruck) eingeteilt, wobei als Grenzwert einmal der übliche Wert von 140/90 (9 % der Teilnehmer), in einer weiteren Analyse ein niedrigerer Grenzwert von 130/80 (24 % der Teilnehmer) herangezogen wurde.
In allen Analysen fand sich kein Zusammenhang zwischen Aufnahme von Natrium oder Kalium und dem Blutdruck. Selbst die Untergruppe mit niedriger Kalium und hoher Natrium-Aufnahme hatte kein erhöhtes Risiko für hohen Blutdruck.
Vielmehr fand sich ein Trend für niedrigeren Blutdruck bei erhöhter bzw. nicht zu niedriger Natrium-Aufnahme.
Schlussfolgerung der Autoren ist, dass es keine Korrelation zwischen Natrium-oder Kalium-Aufnahme und erhöhtem Blutdruck in einer Bevölkerungsgruppe mit normalem Blutdruck und vergleichsweise geringer Natriumaufnahme gab.

 

 

Santos A, Martins MJ, Guimarães JT et al.
Sodium-rich carbonated natural mineral water ingestion and blood pressure.
Rev Port Cardiol. 2010 Feb;29(2):159-72. 

 

Die Studie untersucht die Wirkung eines natriumreichen Mineralwassers auf Blutdruck und Herzfrequenz bei gesunden, normotensiven Personen. 17 Studienteilnehmer im Alter zwischen 24 und 53 Jahren erhielten in randomisierter Reihenfolge über jeweils 7 Wochen 500 ml, aufgeteilt in zwei Portionen, eines Natrium-Hydrogencarbonat-reichen Mineralwassers (Natriumgehalt 622 mg/l, Hydrogencarbonat 2125 mg/l; Testwasser) oder eines mineralstoffarmen Wassers (Kontrollwasser), zwischen den beiden Testphasen lag eine 6-wöchige Auswaschphase. Studienendpunkte waren systolische und diastolische Blutdruckwerte und Herzfrequenz zu Studienende im Vergleich zu Studienbeginn.
Die Ergebnisse zeigten nach Ende der 7-wöchigen Testwasserphase keine Unterschiede in Bezug auf die Endpunkte: Die Werte lagen zu Beginn bei 114/69,7 mmHg und 71,7/min (Medianwerte) für die Testwasser-Gruppe und bei 115,7/64,3 mmHg und 76,3/min für die Kontrollwassergruppe. Nach dem natriumreiche Wasser betrugen die entsprechenden Werte116,7/68,3 mmHg und 71,3/min, nach dem mineralstoffarmen Wasser 118,3/68 mmHg und 69,7/min.
Die Autoren ziehen den Schluss, dass diätetisch zugeführtes  Natrium alleine nicht für eine eventuelle Blutdruckerhöhung verantwortlich ist, sondern dass das zugehörige Anion eine wesentliche Rolle spielt: Natrium plus Chlorid (also Kochsalz) kann den Blutdruck erhöhen, Natrium plus Hydrogencarbonat (wie in dieser Studie) tut dies nicht, hat möglicherweise sogar einen positiven kardiovaskulären Effekt, wie andere Studien zeigen (z. B. Schoppen et al.).

 

Alderman MH.
Evidence relating dietary sodium to cardiovascular disease.
J Am Coll Nutr. 2006 Jun;25(3 Suppl):256S-261S. Review.

 

Diese Übersichtsarbeit fasst die Wirkungen von Natrium  auf das Auftreten von Bluthochdruck und kardiovaskulären Erkrankungen zusammen. Daten bestätigen zwar, dass deutliche Verminderungen der Natriumzufuhr (um 75-100 mmol pro Tag, entsprechend 1750-2300 mg) den Blutdruck um durchschnittlich einige mm Hg senken können. Jedoch gibt es hierbei deutliche interindividuelle Unterschiede.
Darüber hinaus führt eine Natriumrestriktion zu anderen, gelegentlich unerwünschten Wirkungen, etwa einer erhöhten Insulinresistenz, Aktivierung des Renin-Angiotensin-Systems und erhöhter Sympathikusaktivität. Idealerweise würde eine Salzrestriktion in randomisierten klinischen Studien untersucht. Bis dato (2006) gibt es nur neun Beobachtungsstudien, die die Natriumzufuhr, geschätzt über die Ausscheidung im 24-Stunden-Urin oder mithilfe von Ernährungsfragebögen, mit Morbidität und Mortalität in Zusammenhang bringen. Die Ergebnisse sind widersprüchlich: Die einzige Studie mit hypertensiven Patienten zeigte eine inverse Relation der Natriumzufuhr mit dem kardiovaskulären Outcome.
Insgesamt legen die Ergebnisse nach Ansicht des Autors nahe, dass der Zusammenhang zwischen Natriumzufuhr und kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität am besten als „heterogen" beschrieben wird. Die derzeit verfügbaren Daten  unterstützen nicht eine allgemeine Empfehlung für eine bestimmte Natriumzufuhr.

 

Freeman R.

Treatment of orthostatic hypotension.

Semin Neurol. 2003 Dec;23(4):435-42.

 

Freeman bietet in seiner Übersichtsarbeit einen Überblick über den derzeitigen Stand zur Behandlung der orthostatischen Hypotonie.
Auch wenn sie keinen Krankheitswert besitzt, so führt eine pathologische Orthostasereaktion doch häufig zu deutlichen Einschränkungen im Alltagsleben. Darüber hinaus kann sie Symptom von zentralen autonomen neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. multiple Systematrophie) oder von peripheren autonomen Störungen (z. B. autonome periphere Neuropathien) sein. Wesentliches Kennzeichen aller autonomen Störungen ist die fehlende oder inadäquate Freisetzung von Noradrenalin beim Übergang von der sitzenden oder liegenden zur aufrechten Position.
Die Aufklärung der Patienten ist der Eckpfeiler der Therapie. Dazu gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die zur Verbesserung der orthostatischen Toleranz in den Alltag implementiert werden können, bevor pharmakologische Interventionen zum Tragen kommen. Eine Vermehrung des Plasmavolumens ist eine wesentliche Maßnahme, die durch eine
Erhöhung der Flüssigkeitszufuhr (2 bis 2,5 l pro Tag bei Erwachsenen) und der Kochsalzzufuhr (10 g pro Tag) erreicht werden kann; dazu kommt regelmäßige körperliche Aktivität, vor allem isotonische Übungen zur Förderung des venösen Rückflusses. Bei einem Großteil der Patienten ohne zugrunde liegende Systemerkrankung führt dies schon zum Erfolg. Reichen diese Maßnahmen nicht aus, ist eine Monotherapie mit Fludrocortison oder Fludrocortison in Kombination mit einem Sympathikomimetikum der nächste Schritt. Desmopressin kann eine sinnvolle Ergänzung bei Patienten mit therapierefraktärer Symptomatik darstellen. Eine Reihe von Substanzen wie Acetylcholinesterase-Inhibitoren oder Dopaminantagonisten stellt derzeit eher einen experimentellen Ansatz dar.

 

 

Schorr U, Distler A, Sharma AM.
Effect of sodium chloride- and sodium bicarbonate-rich mineral water on blood pressure and metabolic parameters in elderly normotensive individuals: a randomized double-blind crossover trial.
J Hypertens. 1996 Jan;14(1):131-5.

 

Diese randomisierte, Placebo-kontrollierte doppelblinde Crossover-Studie untersuchte die Wirkung eines Natrium-Chlorid- und eines Natrium-Hydrogencarbonat-reichen Mineralwassers auf Blutdruck und Parameter des Glucose- und Lipidstoffwechsels bei älteren normotensiven Personen. 21 gesunde Männer und Frauen im Alter von 60 bis 72 Jahren wurden aufgenommen. Anschließend erhielten sie randomisiert über jeweils 4 Wochen täglich entweder 1,5 l eines Natrium-Chlorid-reichen Mineralwassers (Natrium 84,5 mmol/l = 1943,5 mg/l; Chlorid 63,7 mmol/l = 2261,4 mg/l; Hydrogencarbonat 21,9 mmol/l = 1335,9 mg/l), eines Natrium-Hydrogencarbonat-reichen Mineralwassers (Natrium 39,3 mmol/l = 903,9 mg/l; Chlorid 6,5 mmol/l = 230,75 mg/l; Hydrogencarbonat 48,8 mmol/l = 2976,8 mg/l) oder eines Mineralwasser mit niedrigem Mineralstoffgehalt (Placebo).  
Die Ergebnisse zeigten einen signifikant niedrigen arteriellen Mitteldruck im Vergleich zu Studienbeginn, wenn das Placebowasser (-7,0 +/- 7,2 mm Hg; p < 0,001) oder das Natrium-Hydrogencarbonat-reiche Wasser (-5,7 +/- 6,4 mm Hg; p < 0,05) getrunken wurde. Im Gegensatz dazu entsprachen die Blutdruckwerte unter dem Natrium-Chlorid-reichen Wasser denen zu Studienbeginn. 24-Stunden-Blutdruck, Glucosetoleranz und Plasmalipidkonzentration wurden von keinem Wasser signifikant beeinflusst. Die Calciumausscheidung im Urin war unter Placebowasser und Natrium-Hydrogencarbonat-reichem Wasser signifikant vermindert und unverändert unter dem Natrium-Chlorid-reichen Wasser.
Nach Ansicht der Autoren kann die Zufuhr eines Natrium-Chlorid-reichen Mineralwassers die Blutdrucksenkung, die durch eine diätetische Salzreduktion bei älteren Menschen erreicht wird, wieder aufheben. Natrium-Hydrogencarbonat-reiches Wasser zeigt diesen Effekt nicht und könnte zusammen mit einer salzarmen Diät positiv auf den Calciumstoffwechsel einwirken.

 

El-Sayed H, Hainsworth R.
Salt supplement increases plasma volume and orthostatic tolerance in patients with unexplained syncope.
Heart. 1996 Feb;75(2):134-40.

 

Diese zweiteilige Studie (doppelblind und Placebo-kontrolliert bei 20 Patienten; offen bei elf Patienten) untersuchte die Wirkung einer Gabe von 120 mmol Natrium-Chlorid pro Tag bei 31 Patienten mit orthostatischen Synkopen ohne kardiale oder neurologische Erkrankungen auf Plasma- und Blutvolumen sowie die Synkopen-Symptomatik.
In der gepoolten Auswertung nach 8-wöchiger Behandlung zeigten 15 der 21 Patienten (70 %), die Kochsalz erhalten hatten, und drei Patienten  (30 %) der Placebogruppe eine Zunahmen von Plasma- und Blutvolumen, außerdem hatte sich die orthostatische Toleranz verbessert und die Empfindlichkeit der Barorezeptoren vermindert. Die Verbesserung stand in Beziehung zu der ursprünglichen Salzausscheidung: Patienten, die auf die Salzgabe reagierten, hatten ursprünglich eine tägliche Ausscheidung von weniger als 170 mmol NaCl aufgewiesen. Auch bei den drei Patienten der Placebogruppe, bei denen sich Verbesserungen zeigten, kam es zu einem Anstieg der Salzausscheidung.
Nach Ansicht der Autoren kann also bei Patienten mit unklaren Synkopen und niedriger Salzzufuhr die Gabe von Salz das Plasmavolumen erhöhen und die orthostatische Toleranz verbessern. Bei Fehlen entsprechender Kontraindikationen ist Salz hier die Therapie der ersten Wahl.